Prolog
Prolog
Seine Finger tanzten über die Tastatur – eine Sonderanfertigung nur für ihn. Er liebte den perfekt justierten Widerstand und das Klicken mechanischer Tasten.
Mit brummenden Rotoren flog ein Polizeihubschrauber vor seinem Fenster vorbei. Der Mann am Laptop knipste die Schreibtischlampe aus. Sie suchten jemand anderes – denn er genoss Immunität. Dennoch, was er hier tat, ging zu weit, selbst wenn die Regierung ihn dazu zwang.
Auf seinem Bildschirm schimmerte die Konsole dunkelgrün, der Audiopegel der Funkverbindung verharrte reglos. Er tippte den Befehl ein, um Coreboot zu forken. Der Auftrag: Die Infiltration der autonomen Server der Neue-Werte-Partei, um die Geheimdienste mit einem Hebel auszustatten, falls die Fraktion nach dem Wahlsieg nicht spurte.
Der Coreboot-Code floss in die IDE und der Hacker implementierte eine Backdoor unterhalb des Betriebssystems. Nur ein absoluter Profi würde dies bei einer Überprüfung bemerken. So lange erlaubte sie Remote-Zugriff auf Spenderlisten, interne E-Mails und Personalien. Genug Material also, um aufmüpfige Deutsche unter Kontrolle zu halten.
Kompilieren.
Die Unit-Tests liefen an.
Eine Armada von ›SUCCESS‹-Ausgaben flutete das Terminal.
Die Finger flogen über die Tasten, um die veränderte Version unter dem Namen eines offiziellen Intel-Patches abzuspeichern. »Das trojanische Pferd ist bereit«, sagte er ins Headset des autarken Voice-Kanals.
Am anderen Ende der Leitung rauschte es und der Audiopegel auf dem Bildschirm schlug aus. »Bin am Mainboard. Die Klammer sitzt.« Jimmy sprach langsam, fast gelangweilt.
»Verbinde.« Mittels eines Shell-Befehls öffnete der Hacker den SSH-Tunnel, schleuste die Datei durch eine Pipe und übertrug sie auf Jimmys Hardware.
»Sieht gut aus.«
Das Quietschen von Gummi auf Linoleum ließ den Audiopegel ausschlagen.
Mit dem Headset direkt am Mund flüsterte er: »Achtung, da kommt jemand!«
»Hab’s gehört«, sagte Jimmy.
Die SSH-Verbindung brach ab.
Dann herrschte Stille. Am Terminal hielt er den Atem an und schloss die Augen, um genau zu hören, was vor sich ging. Das leise Schaben einer sich öffnenden Tür.
»Hallo? Ist hier jemand?« Eine dritte Person. Ängstlich.
Stiefelschritte hallten ins Mikrofon, jemand bewegte sich durch den Raum. Jimmys Atem war nicht zu hören. Einen Ex-NSA-Agenten brachte nichts aus der Ruhe.
»Hallo?«, rief der Wachmann erneut. Ein metallisches Scheppern erklang.
Hoffentlich schlug ihn Jimmy nicht nieder, das würde sie verraten.
»Mann, Jens. Du und deine Paranoia …«
Endlich glitt die Tür zum Serverraum mit einem Schaben zu und was blieb, war Stille.
»Er ist weg«, sagte Jimmy.
»Was hat da so ein Geräusch gemacht?«
»Die Wache hatte Schiss und hat mit der Lampe gegen das Rack gehauen.« Jimmy lachte. »Dabei wäre beinahe mein Laptop rausgerutscht. Hab den dahinter geklemmt.«
Tief atmete der Hacker durch. Eine gehörige Portion Glück gehörte zu den Jobanforderungen.
»Bring’s zu Ende.«
»Der Flash läuft längst. 97 %«, sagte Jimmy.
»Ich starte den Zugriffstest.« Er tippte den Befehl auf der Konsole ein. Connection Successful. Das Dateisystem des Servers der Neuen-Werte-Partei offenbarte sich in seiner ganzen Pracht. »Du bist fertig.«
Die Backdoor war ins Mainboard übertragen. Die Partei würde weiter in dem Glauben handeln, digital und politisch unangreifbar zu sein. Dabei schlangen sich unsichtbare Fesseln um ihre Handgelenke.
Das Leben ist Illusion.
Kapitel 1 — Der Pitch
Elias
»Technologie wird sie nicht retten.« Elias ließ den Satz im Raum stehen und fixierte den Ohlens-CEO Matthias Finkel. Nachdenklich rieb der Manager Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand aneinander, was ein schabendes Geräusch erzeugte.
Max van Stetten, ein strategischer Investor am Tisch, lehnte sich vor, sodass seine Ellbogen auf den unbehandelten Naturholztisch des Vorstandsbüros krachten.
Abrupt brach das Schlürfen aus einer Kaffeetasse ab. Die Einkaufsleiterin verdrehte die Augen. Sie hielt sich zurück, schien zu lauern.
Nur einer blinzelte: der »Kettenhund«. Prof. Dr. Meinzberg von der TU-München. Angeblich eine Koryphäe auf dem Gebiet der AI-Sicherheit, dessen Skepsis aber an eine Ära erinnerte, als Computer noch Webstühle waren.
Wütend blies der Projektor Luft aus. Noch mehr Hitze gegen die die ratternde Klimanalage ankämpfen musste.
Er spürte ein vertrautes Prickeln. Am Anfang seiner Karriere hatte ihm diese Stille Schweiß auf die Stirn getrieben, heute setzte er sie ein wie eine Geheimwaffe. Er war kein Verkäufer; er war der Mann, der Ohlens the art of the possible aufzeigte – jemand, dessen Meinung man Taten folgen ließ.
Während die Stille ihre Wirkung entfaltete, richteten sich alle Augenpaare auf ihn. Und er genoss es, weil ihm diese Aufmerksamkeit zusätzliche Kraft verlieh. Er war aus dem Nichts gekommen, ein Niemand ohne Fähigkeiten; dass er mit dreiunddreißig Jahren einen 20-Millionen-Euro-Deal zum Abschluss brachte, war das Ergebnis einsamer, harter Arbeit. Hunderte Bücher über Psychologie, Verkaufstechniken und Technologie hatte er verschlungen – sie waren das Samenkorn seiner Skills. Die vielen Jahre im Meetingraum hatten sie wie Muskeln wachsen lassen.
»Aber das heißt nicht, dass unsere Lösung es nicht kann.« Bäm! Robert Amreuther zerriss das mühsam gewebte Tuch der Stille und die Manager erwachten wie aus einem Traum.
Robert Amreuther. Der Stereotyp des reichen Münchners. Kurzes rotes Haar, funkelnd grüne Augen. Elias’ Vertriebspartner agierte wie ein Goldfisch auf Speed – ständig in Bewegung. Eigentlich war er derjenige, der den Deal eintüten sollte. Locker hatte sich Robert neben Max van Stetten platziert und seit einer Stunde ein Grinsen aufrechterhalten. Gerade gab er dem Investor einen freundschaftlichen Knuff.
Elias wurde das Gefühl nicht los, dass sich die beiden kannten.
Mit erhobenen Augenbrauen registrierte das die Einkäuferin und fuhr sich durch die braunen Locken. Dabei klapperten die Silberarmreifen an ihrem Handgelenk. »Wir haben das schon verstanden, Herr Amreuther. Lassen Sie Ihren Kollegen seine Ausführungen beenden.« Sie schaute zu Elias, der am Kopf des Tisches stand, hinter ihm die Leinwand mit der Präsentation. »Könnten Sie Ihre Aussage erläutern? Im Gegensatz zu Ihnen scheint sich Ihre Konkurrenz vollkommen einig zu sein: Technologie ist unsere einzige Rettung.«
Prof. Dr. Meinzberg schnellte in seinem Sitz in eine aufrechte Haltung. »Vermutlich bestätigt sich jetzt meine ursprüngliche Einschätzung, Matthias.« Er nickte dem CEO zu. »AIpex will dir seine Services andrehen. Wie hoch ist euer Stundensatz, Junge?« Mit schmalen Augen starrte der Kettenhund Elias an.
Ich habe alles unter Kontrolle.
Elias blendete das flaue Gefühl im Magen aus. »Wir sprechen von Predictive AI für ihre Lieferketten. Die arbeitet nur exakt, wenn Ihre Mitarbeiter sie als gleichwertigen Berater akzeptieren und mit den richtigen Daten füttern.«
»Gut. Aber dafür braucht eine Ohlens AG keinen Lieferanten.« Prof. Dr. Meinzberg machte eine wegwerfende Geste. »Die Demonstration Ihrer Lösung war ja noch ganz nett. Aber die Frechheit, uns so plump ihre Services anzudrehen, habe ich in vierzig Jahren noch nicht erlebt. Erklären Sie uns lieber, wie sie Halluzinationen Ihrer AI verhindern.«
Volltreffer! Elias glühten die Ohren. Um davon abzulenken, drehte er sich zum Whiteboard um und schrieb die Frage auf. »Geben Sie mir noch einen Moment«, sagte er. »Wie sie wissen, haben wir die gesamte letzte Woche mit ihrem Team an einem Business-Case gearbeitet. Mit überraschendem Ergebnis.«
Max van Stetten nickte. »Die Schließung von Chemnitz.«
»Mumpitz!«, rief der Kettenhund. »Ein Lieferant erklärt Ohlens bestimmt nicht, wie es seinen Job zu machen hat. Solche Entscheidungen trifft der CEO!« Rote Flecken bildeten sich in seinem Gesicht.
Für den Professor stand wohl einiges auf dem Spiel. Elias wusste, dass dieser Mann zwar wenig Autorität, doch viel Einfluss im Konzern hatte. Einen Moment lange schaute er zu Robert. Dem Vertriebler war die Kinnlade runtergeklappt.
Da muss ich wohl alleine durch.
»Es waren Ihre Leute, die AIpex Sentinel zu dieser Lösung geführt haben. Ohne ihr Team«, Elias deutete mit ausgestreckter Hand zum CEO, »hätte unsere Technologie den Zusammenhang nicht erkannt.« Die Kappe des Whiteboardmarkers quietschte, als er sie aufsteckte und abzog. Er musste ruhig bleiben.
»Offensichtlich wissen hier alle mehr als ich«, sagte die Einkäuferin. »Könnten Sie das näher erläutern?«
»Entschuldigen Sie, Frau Schumpeter. Natürlich.« Elias wechselte zu einer Slide, die das Ergebnis des Proof of Concepts aufzeigte. »Einer Ihrer Leute hat in Chemnitz gearbeitet und berichtete von andauernder Unterbesetzung und wachsender Kriminalität. Deswegen haben wir die API der Recruitment-Software genutzt, um all jene Top-Ingenieure zu finden, die im letzten Moment der Bewerbungsphase abgesagt haben.«
»Nach meiner Erfahrung wollen die mehr Geld oder weniger arbeiten«, sagte Professor Dr. Meinzberg. Sein Blick suchte den des CEOs, doch der seufzte und schaute nach vorn.
»Der wahre Grund ist die Angst vor dem sich ändernden sozialen Klima in Sachsen«, sagte Elias.
»Unfug.« Der Kettenhund schnaubte. »Ich selbst habe jahrelang in Chemnitz gearbeitet. Da ist alles dufte.«
Die Einkäuferin deutete auf ein Diagramm. »Was hat das zu sagen?«
»Gut entdeckt. Ihr Team hat aus verschiedenen Datenquellen die Seriennummern und Zeitstempel von gemeldeten Diebstählen in Chemnitz zusammengetragen. AIpex Sentinel hat das dann mit Polizeiberichten und Social-Media-Einträgen verglichen. Es besteht eine statistisch signifikante Kausalität der politischen Unruhen, aufgeheizt durch die Neue-Werte-Partei, und der Kriminalität.«
Der Kettenhund verschränkte die Arme. »Nach den Wahlen ist wieder Ruhe.«
Elias zeigte auf einen Tabelleneintrag. »AIpex Sentinel sagt die Erosion der Mitarbeiterloyalität durch zivilen Ungehorsam mit 93 % Wahrscheinlichkeit voraus. Innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate.« Welchen Pfad durch die Milliarden Parameter hatte die Software genommen, um auf dieses Ergebnis zu kommen? Für Elias war es eine Blackbox, die er verkaufte, als wäre das Ganze einfache Mathematik. Unruhe keimte in seinem Bauch auf.
Ganz ruhig, das ist nur das Imposter Syndrom.
Robert Amreuther pochte mit dem Zeigefinger auf den Tisch und blickte allen Anwesenden tief in die Augen. »Sehen Sie. Und diese Ergebnisse haben Sie kostenlos von uns erhalten. Warten Sie mal, bis die Lösung vollumfänglich implementiert ist.«
Max van Stetten suchte Elias’ Blick. »Ich hatte Chemnitz als stabiles Werk im Hinterkopf. Gut vernetzt und aufgestellt. Die Zahlen sind hervorragend.«
Elias nickte. »Ihre Datenbanken zeigen, dass Chemnitz zu 90 % von Komponenten aus dem Ausland abhängig ist.«
Der Kettenhund riss die Augen auf. »Ihr füttert die AI dieses Lieferanten mit unseren kritischen Daten? Haben denn alle den Verstand verloren? Wer hat das genehmigt?«
Das Ohlens-Team hatte AIpex Sentinel Zugriff auf die Büchse der Pandora erlaubt, ohne den Elias niemals so weit gekommen wäre. Genau genommen war es ein eklatanter Bruch der Datensicherheit! Schuld nagte an Elias’ Selbstbewusstsein. Er spürte die feuchte Farbe des Markers in seiner Handfläche, mit dem er unbewusst spielte. Schnell ließ er die Kappe wieder einrasten.
Max van Stetten hob die Hand. »Ich war das.«
Fassungslosigkeit stand Prof. Dr. Meinzberg ins Gesicht geschrieben, als er um seine Contenance rang. »Wenn das Kanzleramt von dieser Einmischung in die sächsische Strukturpolitik Wind bekommt, machen wir unsere Unterstützer zu Feinden.«
An seiner Aussage war definitiv etwas dran. Europäische Lieferketten würden reißen, tausende Arbeitsplätze vernichtet. Elias zündelte mit einer ökonomischen Atombombe.
»Ach was.« Max van Stetten winkte ab. »Das Kanzleramt hat ganz andere Sorgen, seit die Amerikaner versuchen, uns Palantir aufzuzwingen. Inklusive der staatlichen Organe.«
»AIpex ist ebenfalls ein amerikanisches Unternehmen!«, rief der Kettenhund.
Matthias Finkel klopfte auf den Tisch. »Die Egos werden auf der Stelle wieder eingepackt. Ich werde dieses Stammtischniveau nicht akzeptieren. Was sagen die Vertreter von AIpex zum letzten Argument?«
Hier klaffte ein Sicherheitsrisiko, aber das würde Elias niemals unvorbereitetet einem Kunden gegenüber zugeben. Also nickte er Robert zu. Sollte er zur Abwechslung mal eine kritische Frage beantworten.
Der räusperte sich. »In unseren Verträgen haben wir Souveränitätsklauseln. Kein Fitzel Information verlässt unser Land.«
Der Kettenhund wollte erneut aufbegehren, aber er war schlau genug, um zurück zum Thema zu kommen. »Danke für die Erläuterung. Eine Frage zu Chemnitz habe ich noch: Warum ist die Schließung alternativlos?«
Robert grinste süffisant. »AIpex Sentinel nennt das einen fragilen Knoten.«
»Und was bedeutet das?«, fragte Frau Schumpeter an Robert gerichtet.
»Fragil eben. Das Werk geht kaputt.« Hilfesuchend blickte er zu Elias.
Am liebsten hätte Elias Robert in seinem Saft schmoren lassen. Aber das wäre unprofessionell in einem Kundengespräch mit diesem Potenzial. »Im Klartext heißt das, dass Chemnitz eine Kettenreaktion auslöst. Wenn sich die Weltlage und die politischen Unruhen in der Region verstärken, wird die Niederlassung zusammenbrechen. Die Auswirkungen werden alle verknüpften Niederlassungen hart treffen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 73 % wird Dresden daraufhin ebenfalls ausfallen. Leipzig liegt schon bei 54 %.«
»Matthias!« Der Kettenhund strich nervös seine Krawatte aus. »Diese Analyse halte ich für extrem bedenklich. Sie kommt von einer AI, die Zugriff auf nur eine Datenquelle hatte.«
»Danke für Ihr offenes Feedback, Herr Prof. Dr. Meinzberg.« Elias räusperte sich und ordnete seine Gedanken. »Und ich verstehe Ihren Einwand. Andere Kunden hatten anfangs ähnliche Bedenken, doch seit sie unsere Predictive AI nutzen, konnten sie die Stabilität ihrer Niederlassungen extrem verbessern.«
Elias wusste, dass der Kettenhund Angst vor Veränderung hatte. Vor modernen Modellen und externen Anbietern. Zeit, ihn auszuschalten. »Wir besitzen eine Menge Erfahrung in Change Management. Deswegen arbeiten wir auch nur mit Kunden, die uns als Partner sehen.«
Der Kettenhund lachte auf. »So eine Frechheit habe ich ja noch nie im …«
»Peter …«, sagte Matthias, der CEO. »Prüf doch bitte im Nebenraum die Daten von Dresden gegen. Außerdem benötige ich deine Einschätzung zur Sicherheit des AI Modells von AIpex. Das geht am besten ohne Störung und wir brauchen schnell Fakten.«
Auf einen Schlag wurde der Kettenhund bleich. »Was …?« Aus Affekt nahm er sein Namensschild vom Tisch und knibbelte an der Ecke herum. »Ich soll …?«
Matthias nickte und Meinzberg war schlau genug, die Situation nicht noch peinlicher werden zu lassen. Mit trotzig erhobenem Kinn klappte er seinen Laptop zu, klemmte ihn unter den Arm und verließ den Raum.
»Ich habe genug gehört«, sagte die Schumpeter und prüfte einige Dokumente vor ihr. »Wie sieht es mit den Lizenzkosten aus?« Sie schaute Elias an, was verwunderlich war, denn er war der Sales Engineer, nicht der Vertriebler.
»Das müssen Sie mit Herrn Amreuther klären«, sagte Elias, während er hilfesuchend zu Robert schaute. »Übernimmst du?«
»Klaro.« Grinsend richtete sich Robert im Stuhl auf, wobei seine grünen Augen aufblitzten. Gepaart mit den roten Haaren und seinem maßgeschneiderten Anzug sah er wie ein englischer Gentleman aus. Diese Ausstrahlung setzte er in Verhandlungen ein.
Aber auf diese hier hatte er keine Lust gehabt, denn mit Frauen in Führungspositionen konnte er nichts anfangen. Seine Bro-Code-Strategien brachten ihn einfach nicht voran. Er wischte auf seinem Tablet herum und drehte es schließlich zur Einkäuferin. »Wenn Sie hier schauen wollen, Frau Schumpeter. Die Lizenzkosten basieren auf den Credits unserer AI, die Sie …«
Elias schaltete ab, atmete durch und setzte sich. Er hatte diese Erklärung schon tausendmal gehört. Als er sich zurücklehnte und von seinem mittlerweile kalten Kaffee trank, bemerkte er den sezierenden Blick von Max van Stetten auf sich ruhen, sodass ihm sein Getränk für einen Moment im Halse stecken blieb.
Max van Stetten lächelte wissend und widmete sich dann Roberts Zahlen.
* * *
Eine Stunde später verließ Elias hinter Robert das Ohlens-Hauptquartier durch die riesige Drehtür. Sofort blendete ihn die Sonne, sodass er mit der Hand die Augen abschirmte. »Gute Arbeit, Robert.«
Robert riss sich die Krawatte vom Hals, als wäre sie eine Fessel, und schob eine schweineteure Pilotenbrille auf seine Nase. »Hast du das Gesicht von der Schumpeter gesehen? Die hat geschwitzt vor Angst wegen ihrer Boni. Himmel, ich liebe diesen Job.«
»Heißt das, wir haben den Deal?«
»Das war ein Massaker!« Robert klopfte Elias auf die Schulter. »Morgen unterzeichnet Matthias. Dreiundzwanzig Millionen. Las Vegas wir kommen! Dank deinem Account Executive.«
Elias blieb stehen. »Meinem Account Executive?« Unfassbar! Robert sammelte alle Lorbeeren selbst ein. »Ich habe in Chemnitz die Daten korreliert, während du auf Mallorca warst.«
Robert schaute Elias über den Rand seiner Brille an. Sein Lächeln wechselte von kumpelhaft zu dünn und scharf. »Ich«, er hieb sich mit der flachen Hand auf die Brust, »habe dafür gesorgt, dass sie dir Techie überhaupt zuhören. Ohne mich bist du nur ein Nerd mit Folien. Du lieferst die Munition, aber ich drücke ab. Vergiss das nicht.« Ein weiterer Klopfer auf Elias’ Schulter. »Aber hast dich gut geschlagen. Diesem Professor bist du aber ganz schön auf den Leim gegangen. Ich habe Matthias gebeten, ihn rauszuschicken.«
Elias wischte Roberts Hand weg. Davon hatte er nichts mitbekommen. Aber Robert verkaufte selbst das Atmen als seine persönliche Strategie. »Sag mal, woher kennst du Max van Stetten?«
»Hab mit ihm schon ein paar Clubs unsicher gemacht. Vertrieb ist eine Lebensaufgabe, Elias. Glaubst du, Erfolg kommt von selbst?«
»Verstehe.« Wie Max Elias mit einem Schmunzeln gemustert hatte, hing ihm nach.
»Komm schon, wir müssen das feiern!« Robert öffnete seinen Wagen. Das elektronische Zirpen ähnelte einem höhnischen Lacher.
»Ich würde gerne ins Hotel.«
»Klar, du musst dir was Geiles anziehen. Ich kenne einen super Club, da lassen sie keine Nerds rein. Außer sie sind mit mir da.«
Elias stieg ein und schnallte sich an. »Nein, ich würde morgen gerne fit sein. Es ist Teamtag.«
»Scheiß auf den Teamtag! Du hast gerade den größten Deal der Firmengeschichte gelandet. Na ja, ich habe ihn gelandet. Du warst dabei.« Robert ließ den Motor aufheulen. »Zieh dir was Enges an. Wir feiern meinen Erfolg.«